Liebe Brüder und Schwestern,
das Abendgebet versammelt uns an diesem Ort, der Paris seit Jahrhunderten mehr als jeder andere dazu einlädt, den Blick zum Himmel zu erheben. Sieben Jahre sind vergangen, seit die ganze Welt mit angehaltenem Atem miterlebte, wie die Kathedrale in Flammen stand. Auch damals hatten wir den Blick erhoben, bestürzt und im Bewusstsein der menschlichen Ohnmacht angesichts dieses unfassbaren Ereignisses. Diesen Schmerz empfanden nicht nur die Katholiken, nicht nur gläubige Menschen. In dieser dramatischen Stunde wurde uns bewusst, dass Notre-Dame mehr ist als nur ein Denkmal. Die gemeinsame Beteiligung am Wiederaufbau wie nun auch dieses prachtvolle Ergebnis zeigen, dass an diesem Ort das Herz eines Volkes schlägt, dass wir uns im Herzen einer Gesellschaft befinden, dass Vergangenheit und Zukunft einander umarmen, dass Himmel und Erde sich begegnen.
Es war mein Wunsch, das die Begegnung mit euch an diesem für die Kirche in Frankreich so bedeutsamen Ort stattfindet. Es war mir eine Freude, als ich vorhin die Schwelle überschritten habe, so wie es täglich Tausende von Brüdern und Schwestern tun, die aus aller Welt hierherkommen. Gleich schon beim Betreten dieses Raumes begegnen wir einer Schönheit, die zu unserem unruhigen Herzen spricht und es zum Frieden ruft. Mit der Rückgabe dieses Ortes an die gesamte Menschheit wurde deutlich, wie jeder Besucher durch das, was er sieht, hört und empfindet, neue Kraft schöpfen kann. Die an der Restaurierung von Notre-Dame beteiligten öffentlichen, kirchlichen und privaten Institutionen haben so durch ihren jeweiligen Beitrag daran mitgewirkt, die kulturellen, existenziellen und spirituellen Dimensionen der Kathedrale neu zu erschließen. Die Kirche sah dabei ihre Aufgabe nicht nur in der Bewahrung, sondern auch in der Kreativität, und ließ die Tradition mit dem Mut derer lebendig werden, die Glauben haben und Hoffnung. Dafür möchte ich dem Erzbischof, seinen Mitarbeitern und der Diözesangemeinschaft von Paris danken, die zudem einen pastoralen Weg der Erstverkündigung und christlichen Initiation konzipiert haben, der allen zugänglich ist. Das Taufbecken, das sich als Segen und Einladung im Eingangsbereich befindet, ist ein Zeichen dafür.
Der Wiederaufbau der Kathedrale war der Anlass für eine Begegnung, die die Räume der Gastfreundschaft und Teilhabe über die Grenzen der kirchlichen Zugehörigkeit hinaus erweitert hat. Liebe Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensleute und Seminaristen Frankreichs: Lasst euch von dem inspirieren, was hier geschehen ist! Stellt allem die Freude des Evangeliums (Evangelii gaudium) voran, das heißt jene missionarische Umkehr, die Papst Franziskus von seinem ersten Apostolischen Schreiben an bezeugt hat. Im Galaterbrief haben wir gehört, warum wir keine Angst haben müssen: »Gott sandte seinen Sohn« (vgl. Gal 4,4). Er hat ihn zu uns, in unsere Welt gesandt! Im paulinischen Text beschreibt das Verb ein reales, historisches Ereignis und nicht etwas Unwirkliches. Christen weichen der Komplexität nicht aus, denn Gott selbst hat sie berufen, seinem Sohn in eine Welt zu folgen, die bereits bewohnt ist, bereits in Bewegung ist, bereits geprägt ist vom Elend und von der Güte der Menschen. Der Kreuzweg offenbart zwar die Finsternis, die die Welt durchzieht, aber noch radikaler die Liebe Gottes, die über den Tod triumphiert. [...]
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