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Kultur
Ausstellung im Palazzo Braschi an der Piazza Navona

Rom, Geburt einer Hauptstadt

Rom, Geburt einer Hauptstadt
Die Ausstellungsräume mit dem Gemälde »La breccia di Porta Pia« (Einnahme Roms am 20. September1870), Michele Cammarano.
Rom, laut Legende 753 v. Chr. gegründet, ist eigentlich seit über 2000 Jahren Hauptstadt. Erst die des Römischen Reiches, dann jene des päpstlichen Kirchenstaates. Das dritte Rom als »Capitale« entsteht erst 1870 nach der Einheit Italiens. Malaria grassiert und die Mehrzahl der 226.000 Einwohner ist arm. Am 2. Oktober entscheiden sich fast alle bei einem Volksentscheid dafür, künftig dem Königreich Italien angehören zu wollen. Eine bittere Pille für den Papst, praktisch wird der Kirchenstaat enteignet. Pius IX. zieht sich zurück und sieht sich selbst als »Gefangenen des Vatikans«. Erst 1929, unter Papst Pius XI., erkennt der Heilige Stuhl den italienischen Staat an. Es kommt mit den Lateranverträgen, die auch Entschädigungsansprüche beachten, zur Aussöhnung.

Eintritt in die Moderne

»Rom. Geburt einer Hauptstadt 1870 – 1915«, diese Kinderschuhe des dritten Rom erzählt anschaulich die bis 26. September dauernde Ausstellung im Palazzo Braschi. Das ist seit 1952 das Städtische Museum Roms (Museo di Roma) an der Piazza Navona. Aber auch wegen der Entstehungsgeschichte des Gebäudes ist gerade dort diese Ausstellung besonders passend. 1790 wird das Grundstück im Auftrag von Fürst Luigi Braschi-Onesti, einem Neffen Papst Pius’ VI., erworben. Die Gestaltung übernimmt der Architekt Cosimo Morelli. Der zuvor auf dem Grundstück befindliche Palast aus dem 16. Jahrhundert, den Giuliano da Sangallo für Francesco Orsini errichtet hatte, wird einfach abgerissen. Während der napoleonischen Besetzung von Rom ruht das Bauvorhaben ab Februar 1798. Die dort befindlichen Kunstwerke werden von den Franzosen beschlagnahmt und kehren größtenteils nie zurück. Im Jahre 1809 bezieht Braschi-Onesti den Palast und wird Bürgermeister der Stadt Rom. Im Jahre 1816 stirbt er, noch bevor der Palastbau fertig ist. Da das Familienvermögen der Braschis erschöpft ist, bleibt der Bau bis 1871 unvollendet. Schließlich verkauft die Familie ihn an das neue Königreich Italien, das den Palast fertigstellen lässt. Später wird er Innenministerium, in der Faschistenzeit auch mal politisches Hauptquartier von Benito Mussolini. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnen dort zeitweise auch Flüchtlingsfamilien – ehe der Palast mit großzügigen Marmortreppen und Sälen 1952 zum Städtischen Museum wird.

Die Ausstellung, entstanden in Zusammenarbeit von zahlreichen Historikern, Kunst- und Kulturexperten, führt den Besucher also zurück ins 19. Jahrhundert zur frühen Zeit des Königreichs Italien, entstanden nach zahlreichen Einheitskämpfen von Nord nach Süd. Erst soll Florenz Hauptstadt werden, doch dann entscheidet man sich doch für Rom. Gut 600 Werke, darunter Gemälde, Grafiken, Zeichnungen, Skulpturen, Filmausschnitte und bestechend präzise, bisher unbekannte Schwarz-Weiß-Fotos, illustrieren, wie diese neue Hauptstadt sich zunächst blühend entwickelte. Die Schau behandelt nur die ersten 45 Jahre der jetzt gut 151 Jahre alten Hauptstadt des weltlichen Rom. Doch so trat die einst so beschauliche klerikale Stadt in die Moderne ein. Es gab Einwohnerzuwachs und Bauboom, auch viele öffentliche Projekte, die Wirklichkeit wurden und nicht – wie oft heutzutage – Träume auf Papier blieben. »45 Jahre Geschichte, die wegen ihrer Bedeutung und Intensität fast einen Jahrtausendwert hatten«, betonte der angesehene Corriere della Sera.

Doch zunächst der Start. »La Breccia di Porta Pia« (Der Durchbruch an der Porta Pia) heißt das riesige Gemälde des Neapolitaners Michele Cammarano (1835 bis 1920) im ersten Saal. Es ist das preisgekrönte Symbol jenes Ereignisses vom 20. September 1870, welches das Schicksal der Päpste und des Kirchenstaates nach den Einheitskriegen radikal veränderte. Die »Bersaglieri«, Elite-Soldaten der Infanterietruppe des italienischen Heeres, durchbrechen an diesem Stadttor die Mauer. Mit ihrem Einmarsch beenden sie die weltliche Papstmacht. Es folgen weitere Schlachtenbilder, auch Büsten aus Marmor, Bronze oder Porträts in Öl bedeutender Größen des Jahrhunderts wie König Viktor Emanuel II., Einheitskämpfer Giuseppe Garibaldi, der politische Einheits-Vorkämpfer Camillo Benso, Graf von Cavour (1810 bis 1861) sowie der Komponist und Senator Giuseppe Verdi (1813 bis 1901). Bilder und Dokumente veranschaulichen den Volksentscheid vom Oktober 1870. [...]
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